6. Halberstädter Orgeltag

04. - 06. September 2020

Highlights:

Tonwechsel John-Cage-Orgel-Kunst-Projektes

Musical zur Orgelgeschichte in der Martinikirche

Konzert im Dom, Orgel- und Orgelwerkstatt-Führungen

Orgeltag 2019 - Rückblick

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Zur Theologie des Lichtes

Während in antiken Religionen die Sonne als Gott, nämlich als Sonnengott Athon oder Helios verehrt wurde, lehnte das Judentum eine solche Anbetung von Dingen ab. Der wahre Schöpfer ist unsichtbar und die Gestirne sind lediglich Lampen am Himmel, die umgekehrt dem Menschen dienen, als Zeichen des Kalenders. Trotzdem kennt auch das Alte Testament Hymnen, also Psalmen, die in poetischen Worten das göttliche Licht preisen: das Leuchten seines Angesichts verheißt Segen und Wohlergehen, wird mit Weisheit und Erleuchtung verbunden und steht für ein Leben in Ehrlichkeit und Wahrheit, also im Gegensatz zum Dunkel der Lüge und Sünde.

Diese Symbolik ist nicht genuin jüdisch oder christlich, sondern gewissermaßen allgemein menschlich, wenn bei Platon der Weg der philosophischen Erkenntnis aus der Schattenhöhle des gemeinen Menschen hinauf ins lichte Reich der Ideen führt oder wenn das Programm der Aufklärer eine Erhellung, ein Enlightenment des so genannten finsteren Mittelalters erwirken wollte. Die christliche Ikonografie ist durchzogen von der Vorstellung, dass Gottes Wort uns erleuchtet und unseren Weg hell macht, dass der Weg des Christen vom Dunkel zum Licht, von Westen nach Osten und vom Tod zum Leben führt. Der Christ und die ganze Kirche wenden sich zum Paradies, zur Morgensonne hin, und dieser symbolische Weg ist auch bei der kleinsten Dorfkirche nachzuvollziehen. Die christliche Verkündigung ist stets eine Einladung vom Dunkel ins Licht gewesen und will bis heute den Menschen herauslocken aus der Weltnacht Dunkel zu Gottes Heil.

Die Gotik hat diesen Gedanken zur Architektur werden lassen: Was in der Romanik meterdicke Mauern waren, löst sich auf in Licht. Die Wand wird diaphan, durchscheinend. Das Göttliche fällt von oben ein in die Kathedrale, sucht den Menschen, zieht ihn an, will seine Seele erhellen. Höhepunkt dieser Lichtarchitektur sind die Buntglasfenster. Hier werden die heiligen Geschichten durchscheinend für Gottes Wahrheit. Das Glasbild wird (im Gegensatz zu allen anderen Bildern) erst erkennbar durch die Strahlen aus dem Jenseitigen. Trotzdem und im Gegensatz zu aller natürlichen Theologie, verwahrte sich die Dogmatik stets gegen eine Verehrung des Lichtes oder der Sonne als solcher. Sie sollen Hinweise, Zeichen, Symbol sein – sind niemals aber mit dem göttlichen Licht selbst zu verwechseln.

Nüchterne Theologen, darunter vor allem die von der Aufklärung geprägten Rationalisten, haben ebenso vor Lichtmystik und Geheimniskrämerei gewarnt und es kurzerhand für unvernünftig erklärt, am helllichten Tage Kerzen anzuzünden. Trotzdem ist das Licht eine der Leitmetaphern christlicher Verkündigung geblieben: sei es im Kinderlied „Gottes Liebe ist wie die Sonne“ oder in den vielen Sonnengesängen des Evangelischen Gesangbuches, sei es in der Zeremonie zum Sonnenaufgang in der Osternacht oder in den vielen liebevoll gestalteten Kerzen, die zur Taufe, zur Trauung, zur Konfirmation und noch öfter verschenkt und gewidmet werden – häufig verbunden mit dem Bibelwort: „Christus spricht, ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis.“

Das Entzünden einer Opferkerze, die Faszination von Lichtspielen in gotischem Maßwerk, die romantische Sehnsucht nach Sonne und Mond und vielleicht sogar die Ehrfurcht des Menschen unterm Sternenhimmel sind zwar christliche Motive, werden aber von vielen mitempfunden, die nicht glauben oder nicht zu glauben meinen oder nur als Gäste jemals eine Kirche betreten. Ebenso wirkt die Orgelmusik. Sie löst etwas aus: Andacht, frommen Schauer, Ehrfurcht, eine Begegnung mit dem Wahren und Schönen, das Übersteigen rationaler Grenzen und einer ans Materielle gebundenen Logik. Ich betrete einen Dom, ich bin ganz für mich, die Orgel spielt, ich zünde ein Licht für einen lieben Menschen an – das ist wie eine kurze Begegnung mit dem Ewigen. Wer das nie gespürt hat, muss ein Stein sein.

Noch eins zum Licht: Auch viele unverdächtige Zeugen, Menschen die keineswegs in der Glaubenslehre der kirchlichen Überlieferung stehen, haben vom Licht berichtet, das an der Grenze des Todes, im Sterben schon aufscheint. Viele von denen, die zurückgekommen sind und wieder ins Leben geholt wurden, berichten: der Weg führt vom Dunkel ins Licht, durch das Sterben hindurch zum Leben, am Ende des Tunnels ist ein allumfassendes unbegreifliches liebendes Licht.

Durch die Orgel Licht. Wenn schon die Orgel durch ihre schiere Größe die Fensterrose verstellt, soll sie wenigstens einen Tunnel haben, um das Licht durchscheinen zu lassen. Das war die Forderung der Geldgeber an den Baumeister. So scheint auch die Orgel durchlässig für das Göttliche, die Musik ein Fenster zum Ewigen und Bach der fünfte Evangelist zu sein. Was im Ostchor die Buntglasfenster darstellen, das bildet im Westen die durchleuchtete Orgel ab, nämlich den Ausblick zum Paradies. Ob allerdings dieses nur eine schöne theologisch-metaphorische Spielerei ist und ob die Domherren, die den Lichttunnel bauen ließen, wirklich so dachten oder sie es schlicht ein wenig heller hier drin haben wollten, bleibt offen. Faszinierender finde ich jedenfalls den ersten Gedanken.

 

Gedanken von Arnulf
Kaus Dompfarrer in Halberstadt